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Freie Radios?

Radio blau beschäftigt sich wie alle anderen Freien Radios mit dem Selbstverständnis, Zielen, Irrwegen, Erfolgen, Mißerfolgen in unserer Arbeit... auf diesen Wegen stoßen wir auf Texte der MitstreiterInnen und auch derer, die uns aus ihren unterschiedlichen Sichten und Absichten betrachten. Für uns Interessantes - das ist immer subjektiv - heben wir uns auf. Einiges davon könnt Ihr hier lesen.

In "kurze Welle-lange Leitung" (Texte zur Radioarbeit) haben wir Auszüge aus einem Grundlagenpapier des Freien Sender Kombinats Hamburg gefunden. Sie sind 1994 entstanden und für uns immer noch spannend. Nachfolgend Auszüge aus den Texten.

Vorbemerkung

öffentlich-rechtliche und private radiostationen sind in ihrem medienverständnis einander nicht alternativ; sie können sich in ihrer sendepraxis unterscheiden. ihre abhängigkeit von hörerreichweiten läßt sie in konkurrenz zueinander treten um die gunst der hörenden und die der werbenden. die folge ist eine angleichung der grundlegenden konzeptionen, mit denen einerseits poltitische legitimation, andererseits möglichst grosse teile möglichst kaufkräftigeer schichten erreicht werden sollen.

traditionell gehen diese konzeptionen von einseitigen beziehungen zwischen radiostation und hörenden aus: da sendung, dort empfang. der einfluß der hörenden auf das gesendete besteht dabei im ein, ab- und umschalten des radios. dies wird in quoten umgerechnet. modelle wie talkradio ändern diese modelle nicht grundsätzlich: zwar können die hörenden nun ihre eigene Stimme im äther hörbar machen, werden dabei aber moderiert und gewinnen keinen zugriff auf die eigentliche radioproduktion. so bleibt ihre teilnahme ein feedback innerhalb eines geregelten zusammenhanges, eine monochromatische rückkopplung, wie sie bei konzerten gelegentlich vorkommt: der ausgestrahlte grundton ist in seiner frequenz durch den apparat definiert und unveränderlich; andere töne wirken nur anregend, werden im apparat bearbeitet und schließlich in den grundton eingeschmolzen.
die unabhängigkeit eines nichtkommerziellen radios von werbeeinnahmen (so mühsam sich die finanzierung eines solchen projektes auch gestalten mag) schafft die möglichkeit, das verhältnis sendenede-empfangende anders zu bestimmen. im folgenden die überlegungen des fsk dazu.

das radio als generator

ein generator (im physikalischen sinne) setzt eine form von energie in eine andere um, beispielsweise kinetische (bewegungs-) energie in elektrische.
radiosendungen setzen politische, kulturelle, d.h. gedankliche bewegungen in akustische (und dann elektromagnetische) bewegungen um. empfangen kann die akustische bewegung bei den hörenden wiederum zu gedanklicher bewegung führen
die eingespeiste bewegung ist der form nach also gleich der im empfang entstehenden; das radio wird so zum medium der bewegung. die empfangenden könnten, da mit gleichen zugangsmöglichkeiten ausgestattet wie die sendenden, an deren stelle treten, indem freies radio ihnen diese möglichkeit verschafft, produziert es seine eigenen produktionsmittel: strukturen und bedeutungen in akustischen zeichen.
allerdings geht, wie auch beim generator, der übergang von einer bewegungsform in eine andere nicht ohne verluste für letztere vor sich. was die durch reibung im elektrischen generator entstehende wärme ist, sind frust und qualifikation für die radioarbeit:
sie binden kräfte, ohne sich in jedem fall in bewegung umzusetzen.
was schließlich empfangen wird, ist nicht identisch mit dem gesendeten. und treten die hörenden an die Stelle jener, deren sendungen sie empfingen, so wird, was sie senden, sich unterscheiden von dem, was sie hörten. das radio als generator lebt damit, dass es verändert wird. die vermittlung besteht so nicht allein im transport der sendung; während diese transportes wird der inhalt verändert: er wird sowohl reduziert wie auch mit neuen akzenten versehen. im medium findet dann die produktion von produktionsmitteln statt.

das radio als organisator

radio organisiert. die hörenden werden bewegt von der musik und den warmen Stimmen der moderierenden. sentement und schnelle rhythmen, vorhanden in werbung und programm, geben impulse zu entscheidungen. bleibt das erkennbare des radios aud das autoradio oder den volksempfänger im zimmer reduziert, seine struktur und die betreibenden den hörenden verborgen, so werden diese zu bewegten objekten, das radio degegen zum statischen beweger.
indem freies radio den hörenden zugriff verschafft, können si zu bewegten und bewegendensubjekten werden. zwar wird auch hier mit einer gruppe ebenso deren konsum organisiert; es kann aber auch die gruppe selbst sein, die sich innerhalb bestehender ökonomie und konsumtion bewegt.

das radio als mediator

freies radio versucht, die sendenden ihrer gewalt überb die hörenden zu entheben. wird die Struktur des radios offengelegt, kann es zum nutzbaren apparat werden: hier ist kommunikation organisierbar.
zunächst ist die ausstrahlung einer sendung kommunikativer akt. der strom vom mikrophon zum lautsprecher kann aber nicht in planbarer weise unterbrochen werden durch anrufe und besuche (möglich, weil das sendestudio inmitten einer wohngegend liegt): dialog bricht in die struktur der sendung ein.
um die sendung selbst gruppieren sich wiederum kommunikative strukturen. interviews, redaktionstreffen und gemeinsame auswerteungen hörender und sendender bestimmen die gestalt der programme ebenso wie erfahrungen, vorurteile und musikgeschmack. der apparat wird verändert nach gemeinsam ermittelten bedürfnissen.
so wird das radio zum vermittler über seine begrenzte medialität hinaus. hier können sich knoten knüpfen zur vernetzung verschiedener gruppen. die komunikation innerhalb des radios, zum radio hin und vom radio weg werden zusammengeführt.

das radio als initiator

nichtkommerzielles radio kann hierarchische strukturen im projekt vermeiden. die sendenden konkurrieren nicht um ihren lebensunerhalt und um quoten; ihre positionen im projekt bleiben flexibel, die plätze am mikrophon und mischpult können von wechselnden gruppen eingenommen werden; organisatorische und technische verantwortlichkeiten sollen kollektiv erfüllt werden. der technische apparat wird verschlissen und je neu produziert. der umgang mit ihm löst reaktionen aus bei hörenden wie sendenden, läßt qualität und handeln entstehen. dies kann dazu führen,, die struktur des technischen apparates auch als befreiende zu nutzen: wer im freien radio arbeitet, muß ersetzbar bleiben. was im freien radio gearbeitet wird, muß als ziel die ständige neuformulierung der arbeit und ihrer strukturierung haben. apparat, arbeit und personal sind nicht aufeinander angewiesen.

das radio als segregator

zusammenfassend läßt sich sagen: freies radio ist der versuch, ein medium aus seinem verwertungszusammenhang zu lösen. ziel ist dabei die emanzipion der hörenden und sendenden innerhalb der konventionellen medienlandschaft. dies vorhaben hat konsequenzen für strukturen und inhalte des projektes: die mölichkeit permanenten Zugriffs erfordert ihre ständige veränderbarkeit.

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